Die Höhere Bürgerschule ist im Jahre 1911 aus einer Privatschule entstanden. Sie umfasste ab Ostern 1926 (Schuljahresbeginn) die Klassen 1 bis 6 (heute: Kl. 5 bis 10). Die Schülerzahl entwickelte sich trotz eines sehr hohen Schulgeldes von 120 bis 160 RM (1919) recht positiv, ging aber seit 1926 ständig zurück. Betrug die Schülerzahl 1925/26 noch 115, so lag sie im Schuljahr 1928/29 bei 83 und schließlich 1934 nur noch bei 58. Die Ursachen findet man zum einen in der wirtschaftlichen Not jener Jahre, zum anderen im vorzeitigen Überwechseln vieler Schüler auf Oldenburger Schulen.
Als der Direktor von Römer am 1. Januar 1932 in den Ruhestand trat, wurde kein Ersatz geschaffen. Zu Beginn des Schuljahres 1931/32 unterrichteten sechs Lehrkräfte die sechs Klassen, am Ende des Schuljahres waren nur noch vier Lehrer an der Schule tätig. Um einer drohenden Schließung der Schule vorzubeugen, wurden die Höheren Bürgerschulen Augustfehn und Westerstede zusammengelegt zur Höheren Bürgerschule Ammerland, mit deren Leitung der Direktor der Höheren Bürgerschule Augustfehn, Dr. Harms Stillahn, betraut wurde. Die beiden oberen Klassen der Schule Augustfehn wurden mit den entsprechenden Westersteder Klassen verschmolzen, während die vier unteren Jahrgänge (Sexta bis Untertertia) als Parallelklassen in Augustfehn blieben. Den Schülern entstanden keine Nachteile, da die Gemeinde Westerstede die Kosten für die Bahnfahrt nach Westerstede trug. Durch die Verschmelzung der Schulen konnte für Westerstede der westliche Bezirk mit den angrenzenden ostfriesischen Gemeinden erschlossen werden. Die Verbindung beider Schulen wurde durch gemeinsame Konferenzen, Austausch von Lehrkräften, gemeinsame Ausflüge und Feiern, Abstimmung der Lehrpläne unterstrichen.

Unterrichtet wurde an der Höheren Bürgerschule nach dem Lehrplan einer Oberrealschule. Eine Abschlussprüfung in der Obertertia (Klasse 9) berechtigte zum Besuch der Untersekunda (Klasse 10) einer Oberrealschule (vor allem des Vorläufers der heutigen Hindenburgschule in Oldenburg) oder eines Lyzeums. Am Ende der Klasse 10 erhielten die Schüler das Zeugnis der Mittleren Reife.
Nach der Zusammenlegung nahm die Schülerzahl in Westerstede wieder schnell zu. Am 1. Februar 1936 besuchten 111 Schülerinnen und Schüler die Höhere Bürgerschule Ammerland, Abteilung Westerstede. Neben diesen positiven Aspekten darf aber nicht vergessen werden, dass die Schüler dieser Zeit im Sinne einer unmenschlichen Ideologie erzogen werden sollten.
Die ideologische Durchdringung der Schule im Sinne des Nationalsozialismus begann in massiver Form schon ab Mai 1932. Seit dieser Zeit bildete die NSDAP im Freistaat Oldenburg die erste Alleinregierung in Deutschland und wirkte insbesondere durch das Ministerium der Kirchen und Schulen auf die Erziehung ein. Die Zahl der politischen Veranstaltungen an der Schule nahm sprunghaft zu.

Höhere Bürgerschule 1911
Gemeindevorstand. Westerstede, den 27. April 1933.
An die Herren Hauptlehrer.
Am 1. Mai, dem „Tag der Arbeit”, sind sämtliche Schulen der Gemeinde mit der Schwarz-weiss-roten und der Hakenkreuzflagge zu beflaggen und mit Grün zu schmücken; beim Fehlen von Laubzweigen mit Tannengrün. Ferner ist am 1. Mai um 8.45 Uhr eine Schulfeier abzuhalten, bei der der Schulleiter oder eine andere Lehrkraft in einer kurzen Eröffnungsansprache auf die Bedeutung des Tages hinzu-weisen und die dann folgende Übertragung auf dem Deutschlandsender zu erläutern hat. In den Schulen, die eine Radioanlage nicht besitzen, oder sich zum 1. Mai eine solche leihweise nicht beschaffen können, sind die Schulfeiern möglichst in Anlehnung an die Feier im Lustgarten zu gestalten. Sie hat in einem Hoch auf das deutsche Vaterland auszuklingen, worauf der erste und dritte Vers des Deutschlandliedes zu singen sind. Auch diese Feier beginnt um 8.45 Uhr. Im übrigen ist der Tag schulfrei.
Die Herren Lehrer werden ersucht, zwecks Beschaffung der Fahnen sich in Benehmen mit der Ortsschulkommission mit der Bevölkerung und der dortigen Leitung der N.S.D.A.P. zwecks Stiftung von Fahnen in Verbindung zu setzen, da die Kassenlage der Gemeinde es nicht zuläßt, für alle Schulen neue Fahnen aus Gemeindemitteln zu beschaffen.
gez. Henken
Fast alle Schüler waren schon 1933/34 in der Hitlerjugend/Jungvolk oder im BDM organisiert (freiwillig). Das gesamte Kollegium trat dem NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) bei und nahm an der Westersteder Arbeitsgemeinschaft teil, die sich ins-besondere mit Vererbungslehre und Rassenkunde befasste.
Durch die Einführung des Staatsjugendtages 1934 musste der Samstag unterrichtsfrei sein für alle Schüler der Klassen Sexta bis Untertertia, die der Hitlerjugend angehörten. Von der Klasse Obertertia aufwärts wurden die Schüler auch vom Sonnabendunterricht befreit, wenn sie dem Jungvolk angehörten. Die Stunden wurden auf die übrigen Vormittage verteilt, so dass bis zu 7 Stunden unterrichtet werden mussten. Nichtorganisierte Schüler wurden am Samstag unterrichtet: 1 Stunde Einführung in das NS-Gedankengut (nur „Arier"), 1 Stunde Nadelarbeit, Sport (insbesondere Boxen), Werken. Dadurch erzeugte man Druck auf die Schüler, sich den Organisationen anzuschließen. Zudem wurde die politische Tätigkeit bei Zensuren und Versetzungen berücksichtigt.
Staatsministerium. Im nationalsozialistischen Staat dürfen Schüler und Schülerinnen bei der Entscheidung über Versetzungen und Prüfungen nicht nur darnach beurteilt werden, ob sie sich den erforderlichen Wissensstoff angeeignet haben. Mindestens von ebenso großer Bedeutung ist die körperliche, charakterliche und politische Schulung, wie sie außerhalb der Schule allein von den Gliederungen der N.S.D.A.P. (Jungvolk, Hitlerjugend, Bund deutscher Mädel, NS-Frauenschaft, SA und SS und PO) vermittelt wird.
Künftig wird daher in allen Schulen bei der Entscheidung über Versetzungen und Prüfungen besonderes Gewicht darauf zu legen sein, ob, wie lange und mit welchem Erfolg Schüler und Schülerinnen in den genannten Gliederungen der nationalsozialistischen Bewegung tätig gewesen sind. Eine Berufung darauf, daß die Eltern mit einer solchen Tätigkeit nicht einverstanden seien, wird für die Entscheidung der Schule bedeutungslos sein. - Die näheren Durchführungsbestimmungen werden noch ergehen.
Alle Erzieher und Erzieherinnen werden angewiesen, schon jetzt allen Schülern und Schülerinnen und nötigenfalls auch den Eltern diesen Erlaß bekanntzugeben.
Oldenburg, den 11. Juni 1934. Der Minister der Kirchen und Schulen. Pauly
1936/37 wurde der Staatsjugendtag wieder abgeschafft. Ab Ostern 1937 wurde Latein als 2. Fremdsprache unterrichtet. Da die Schülerzahl nach der Zusammenlegung stark angestiegen war, geriet die Schule in große Raumnot: Es gab nur sechs Klassenräume, keine Aula, keinen Lehrmittel- und Übungsraum, keine Turnhalle, keinen Musiksaal. Die Turnhalle der Stadt wurde nicht geheizt.
Im Zuge der Schulreform des Jahres 1940 wurde die Abteilung in Augustfehn zur Mittelschule, die Hauptanstalt in Westerstede zur sechsklassigen „Oberschule für Jungen” (Mädchen waren aber auch dort), die als Zubringerschule für die Hindenburgschule in Oldenburg diente. Die Schüler könnten seitdem ohne Prüfung nach Oldenburg überwechseln. Ostern 1940 wurden zunächst die Klassen 1 bis 3 als Oberschulklassen anerkannt, die Klassen 4 bis 6 blieben noch Bürgerschulklassen.
Der Minister der Kirchen und Schulen. Oldenburg, den 27. April 1940. Nr. IV 4022
An den Herrn Bürgermeister der Gemeinde Westerstede durch den Herrn Landrat Westerstede. Betrifft: Umwandlung der höheren Bürgerschule in Westerstede in eine Zubringerschule. Auf das Schreiben des Landrats vom 15 d. Mts.
Ich genehmige die stufenweise Umwandlung der höheren Bürgerschule in Westerstede in eine Zubringerschule mit den Klassen 1-6, beginnend Ostern 1940; die jetzigen Klassen 1-3 werden als Oberschulklassen anerkannt.
Die Zubringerschule führt die Bezeichnung „Oberschule für Jungen (Klassen 1-6), Gemeindeschule”. Die noch verbleibenden Klassen der höheren Bürgerschule führen die Bezeichnung: „Höhere Bürgerschule i. A.”
Die Umschrift des Siegels für die Oberschule lautet: "Der Direktor der Oberschule für Jungen (Klassen 1-6, in Westerstede". Die Vordrucke der Oberschule (Zeugnisse, Briefbogen usw.) führen die Bezeichnung: „Oberschule für Jungen (Klasse 1-6), Gemeindeschule”.
Das Schulgeld für die Schüler der Klassen der Oberschule beträgt bis weiter jährlich 250 RM, für die Schüler der höheren Bürgerschule i. A. wird das bisherige Schulgeld erhoben.
Die Zubringerschule wird der Hindenburgschule, Staatliche Oberschule für Jungen, in Oldenburg zugeordnet unter Hinweis auf Ziffer I und II des Erlasses des Reichserziehungsministers E IIla 1460 vom 25. Juli 1938 (R.Min.Amtsbl. Dtsch.Wiss. 1938, S. 349). Die Unkosten, die dem Direktor der Hindenburgschule und gegebenenfalls anderen Lehrern dieser Schule durch Dienstreisen nach Westerstede zur Beaufsichtigung und Förderung der Zubringerschule gemäß dem oben angeführten Erlaß des Reichserziehungsministers entstehen, hat die Gemeinde Westerstede zu tragen.
Mit der Ergänzung der Lehr- und Anschauungsmittel und der Büchereien ist im Benehmen mit dem Direktor der Hindenburgschule in diesem Jahre zu beginnen. gez. Pauly
Wegen des Krieges waren im Schuljahr 1941/42 nur drei Lehrkräfte tätig. Die 159 Schüler konnten nur an drei Tagen unterrichtet werden. Im Schuljahr 1943/44 wurde schließlich die 6. Klasse (Klasse 10) als Oberschulklasse eingerichtet (10 Schüler).
Der Unterricht wurde durch das Kriegsgeschehen stark beeinträchtigt. Viele Jungen wurden als Marinehelfer eingesetzt, Lehrkräfte eingezogen. Die Klassen 5 und 6 blieben bei Alarm im Schulgebäude (Horchposten), die Klassen 3 und 4 waren zeitweise in öffentlichen Luftschutzräumen untergebracht, die Klassen 1 und 2 im Keller. Gelegentlich mussten die Schüler auch zu Hause bleiben. Wegen der katastrophalen Versorgungssituation der Bevölkerung beteiligten sich die Schüler an der Einbringung der Ernte und am Torfringen.
Die Schule wurde am 25. April 1945 geschlossen. Zehn Tage später besetzten polnische und kanadische Truppen Westerstede. Die Oberschule diente zunächst als Krankenhaus, dann als Lazarett. Nach der Wiedereröffnung am 26. September 1945 konnte nur an drei Tagen in der Woche unterrichtet werden. Den sechs Klassen mit ihren 233 Schülern standen lediglich drei Lehrkräfte zur Verfügung. Zusätzlich wurden noch 48 Berliner Kinder bis zum Sommer von zwei Lehrkräften in Westerstede betreut.
Stundenplan 1945, Klasse 5 (heute: Klasse 9)
| Std. |
Montag |
Dienstag |
Mittwoch |
Donnerstag | Freitag | Samstag |
| 1 | - | - |
- | - | - | - |
| 2 | Latein | - |
Biologie |
- |
Latein | - |
| 3 | Mathematik |
- |
Mathematik |
- |
Chemie |
- |
| 4 | Mathematik |
- |
Mathematik |
- |
Mathematik |
- |
| 5 | Physik |
- |
Erdkunde |
- |
Physik |
- |
| 6 | - |
- |
- |
- |
- |
- |
Geschichte konnte in den meisten Klassen nicht unterrichtet werden. In einem Erlass vom 3.10.1946 wurde den Schulleitern freigestellt, in der 3. und 6. Klasse in zwei Wochenstunden die Geschichte des Altertums sowie in der 6. Klasse Staatsbürgerkunde unterrichten zu lassen, falls politisch geeignete Lehrkräfte vorhanden waren.
Vom Dezember 1945 an konnte dann wieder an sechs Tagen in der Woche Unterricht gehalten werden. Die Wochenstundenzahl der einzelnen Klassen lag allerdings nur zwischen 22 und 26 Stunden. 1946 wurden drei Lehrkräfte wieder in den Schuldienst aufgenommen, 1947 eine weitere.
Die ersten Nachkriegsjahre waren vom Mangel in vielerlei Hinsicht geprägt: Es gab weder genügend Schreibpapier oder Bücher noch ausreichend Brennstoff zum Beheizen der Klassenräume. Die Raumnot wurde noch durch einen gewaltigen Zustrom an Flüchtlingskindern verstärkt.
Um einigermaßen erträgliche Zustände zu erreichen, wurde eine verstärkte Leistungsauslese durchgeführt. Zehn Schüler der Klasse 6 mussten Ostern 1946 noch in die 7. Klasse der Hindenburgschule bzw. der Cäcilienschule in Oldenburg abgegeben werden. Die räumliche Enge wurde dennoch immer schlimmer, da parallel zum anschwellenden Flüchtlingsstrom der Ausbau der Schule zur Vollanstalt betrieben wurde.
Schülerzahl:
| 15.05.1940 | 80 Jungen + 74 Mädchen = 154 |
| 01.09.1943 | 108 Jungen + 91 Mädchen = 199 |
| 15.06.1946 | 138 Jungen + 129 Mädchen = 267 (davon 53 Flüchtlinge) |
| 15.05.1947 | 195 Jungen + 139 Mädchen = 334 (davon 84 Flüchtlinge) |
| 15.05.1948 |
241 Jungen + 160 Mädchen = 401 (davon 110 Flüchtlinge) |
| 15.05.1949 |
261 Jungen + 182 Mädchen = 443 (davon 145 Flüchtlinge) |
Klassenzahl:
bis 1946 6 Klassen
seit 1947 8 Klassen, Klasse 5 Doppelzug
seit 1948 10 Klassen, Klasse 5 + 6 Doppelzug
seit 1949 11 Klassen, Klasse 5, 6 + 7 Doppelzug
Wegen der schlechten Finanzlage konnte im Frühjahr 1948 lediglich eine Baracke als Provisorium erstellt werden, die für drei Klassenräume Platz bot. Das nötige Holz für die Einrichtung wurde von Waldbesitzern zur Verfügung gestellt, so dass Stühle und Tische sowie Wandtafeln besorgt werden konnten. In der Baracke wurde ein Aufenthaltsraum für Lehrer eingerichtet, der allerdings nicht einmal sämtliche benötigten Stühle aufnehmen konnte. Das Dienstzimmer des Direktors lag in dessen Privatwohnung; Lehrertoiletten waren nicht vorhanden. Die Mangelsituation stärkte aber auch den Gemeinschaftssinn von Lehrern, Eltern und Schülern. So sammelten die Eltern über 300 Zentner Brennstoff für den Winter 1947/48, für den das Kohlenwirtschaftsamt der Schule ganze 30 Zentner zur Verfügung gestellt hatte. Dadurch konnte in der Westersteder Schule im Gegensatz zu vielen anderen Schulen des Landes der Unterricht in vollem Umfang durchgeführt werden. Welch hohen Stellenwert diese Spende besaß, kann man erst ermessen, wenn man sich die Notsituation der damaligen Bevölkerung vor Augen führt. Erheblichen Anteil am Gelingen der Aktion hatte der neue Elternbeirat, der erst im September 1947 für die gesamte Schule und die einzelnen Klassen gebildet worden war.

Schulspeisung
Die Besatzungsmacht griff durch eine Fülle von Verordnungen regelnd in das Schulleben ein. In Westerstede entwickelte sich darüber hinaus eine enge Verbindung zwischen dem Resident Officer Barstow und der Schule. Officer Barstow hatte wöchentlich einmal die 11. Klasse der Schule bei sich zu Gast. Aber es gab auch Schwierigkeiten bei der "Umerziehung". So berichten Konferenzprotokolle von Schülern, die Plakate gegen den Nationalsozialismus abgerissen hatten und deswegen mit Schulstrafen belegt wurden.
Da die Versorgung mit Nahrungsmitteln sehr schlecht war, wurde ab 9.2.1948 die Schulspeisung durchgeführt, welche aus amerikanischen Spenden finanziert wurde.
Die Durchführung von Klassen- und Schulfahrten verursachte große Probleme. Die Benutzung von Autos für Privatfahrten war verboten, die Versorgungssituation kritisch. Im Protokoll einer Gesamtkonferenz (1947) liest sich das so: "Wenn das Stroh besorgt wird, steht die Gesamtjugendherberge vom 14. VI. -12.VII. unserer Schule zur Verfügung." "Einige Sack Torf empfehlenswert." "Geschirr, Becher, Verpflegung mit-nehmen." „Kreiswirtschaftsamt Friesland soll gebeten werden, einen Kübel Milch zur Verfügung zu stellen.”
Der provisorische Bau hatte die Raumprobleme nicht gelöst: Zunächst wurde Nachmittagsunterricht erteilt, dann musste ein Raum für Unterrichtszwecke in Henkens Gasthof angemietet werden. Die Miete wurde von der Gesamtelternschaft getragen. Schließlich konnten im Turnhallengebäude Hössen vier Unterrichtsräume eingerichtet werden.

Schulklasse
Mittlerweile hatte die Schule ca. 400 Schüler, ein Drittel davon Flüchtlinge, insgesamt 50% Zugewanderte. Für die elf Klassen standen im Hauptgebäude nur sechs normale Klassenräume und ein provisorischer Klassenraum zur Verfügung. Drei Klassenräume und ein Lehrerzimmer befanden sich in der Baracke. Es gab keine Lehrmittelräume, keine Unterrichtsräume für die Naturwissenschaften, keinen Zeichen-/Werkraum, keinen Musiksaal, keine Aula. Die Frage nach dem Erhalt der Schule stellte sich in aller Schärfe.
Die Gemeinde Westerstede sah sich außerstande, die Schule weiterhin im nötigen Um-fange zu finanzieren, weil die Ausgaben auch ohne bauliche Maßnahmen von Jahr zu Jahr das Schulgeldaufkommen zunehmend überstiegen hatten. Schließlich musste der Schulträger damals auch die Lehrkräfte bezahlen. Um die Schule zu erhalten, hatte sich auch der Landkreis Ammerland verstärkt an den Kosten beteiligt.
Dabei hatte die Schule mit der ersten Reifeprüfung 1949 (1. bis 5.2.1949 schriftlich; 9.3.1949 mündlich; die Reifeprüfung fand am Ende der 12. Klasse statt, 1937 war die Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre herabgesetzt worden), bei der alle Prüflinge bestanden und acht sogar von der mündlichen Prüfung befreit worden waren, ihre Tauglichkeit als Vollanstalt nachdrücklich bewiesen.

Die ersten Abiturienten: 1949
Gertha Becker, Friedrich Höfft, Karl Schwarze, Reinhold Drube, Gerold Lange, Liselotte Voigt, Ingrid Eisfeld, Dorothee Leppin, Hans Vonau, Siegfried Golbeck, Gerhard Malzahn, Peter Wendt, Lisa Grundmann, Siegfried Marwinski, Hans Herbert Westermann, Hannelore Harbers, Gerold Otten, Hildegard Hartong, Erika Rein
Endlich konnte am 20.10. 1951 der Grundstein für den Erweiterungsbau gelegt wer-den, nachdem von verschiedenen Seiten Hilfe in Aussicht gestellt und von der amerikanischen McCloy-Stiftung 80 000 DM bereitgestellt worden waren. Gleichzeitig konnte das 40-jährige Bestehen der Schule gefeiert werden.

20. Oktober 1951. Bürgermeister Albert Post bei der Grundsteinlegung
1951/52 gab es das letzte Abitur nach Klasse 12 an der „Oberschule für Jungen”. Das nächste Abitur konnte aus diesem Grunde erst Ostern 1954 nach Klasse 13 abgelegt werden. Anfang der 50er Jahre gingen noch viele Schüler am Ende der 10. Klasse ab, wozu unter anderem das sehr hohe Schulgeld beitrug (180 DM jährlich).
An die Oberschule Westerstede W. 1955, April 19.
Um die Ermäßigung des Schulgeldes für meine am . . . April 1940 geborene Tochter möchte ich, der Landwirt in W. hiermit bitten.
Meine Tochter besucht seit 1950 die Oberschule. Bis 1954 habe ich das Schulgeld voll bezahlt, im letzten Jahre ist mir ein Teil erlassen worden. Da ich bereits seit August v. Js. krank und auch jetzt noch in ärztl. Behandlung bin, ist mir eine Aufbringung des ganzen Schulgeldes nicht möglich, so daß ich auch in diesem Jahre um einen wenigstens teilweisen Erlaß bitten muß. Ich besitze eine ca. 7,5 ha große Landstelle in W. die mit ca. 6.000 DM belastet ist. An Zinsen und Rente habe ich jährlich reichlich 500 DM zu entrichten. Mein einziger Sohn wurde kurz vor Kriegsschluß im Alter von 16 Jahren von der Oberschule aus noch zum Kriegsdienst eingezogen, er ist seit den Kämpfen um Berlin vermißt. Meine kleine Landstelle wirt zur Zeit von meiner Frau, meiner Tochter und meinem Schwiegersohn (Flüchtling) bewirtschaftet, so daß 2 Familien davon leben müssen. ch hoffe gern, daß unter Berücksichtigung dieser tatsächlichen Verhältnisse meiner Bitte entsprochen werden kann. F. den 20.4.1955.
Sehr geehrter Herr Oberstudiendirektor!
Im Nachgang zu meinem Schreiben vom 4. 6. vor. Js. teile ich Ihnen mit, daß sich meine Verhältnisse bezüglich meines Einkommens nur insofern geändert haben, daß das Ruhegehalt der Angestelltenversicherung von monatlich DM 117,70 auf DM 142,70 erhöht worden ist, so daß mein monatliches Einkommen nunmehr zusammen mit der Unfallversicherung (150,30) DM 293,- beträgt. Als Schwerbeschädigter ist es mir nicht möglich, irgendwie noch beruflich tätig zu sein, und muß ich meinen Haushalt von oben genannter Summe ausschließlich bestreiten. Besonders die Unkosten für die Anschaffung der Schulbücher, das monatliche Fahrgeld etc. bedeuten eine starke Belastung für mich. Da ich aber meiner Tochter wenigstens eine gute Schulbildung mitgeben möchte, bin ich bereit, unseren Lebensstandard auf das Notwendigste einzuschränken. Ich wäre Ihnen aber sehr dankbar, wenn sie unter Berücksichtigung meiner Verhältnisse meiner Tochter auch in diesem Jahre eine Schulgeldermäßigung gewähren würden. Mit vorzüglicher Hochachtung.
So war im Schuljahr 1954/55 die Oberstufe nur einzügig, weil über 50% der Schüler die Schule nach der 10. Klasse verlassen hatten. Aus den Französisch-Klassen ging die Mehrzahl der Schüler ab (Klasse 10 a z. B. 75%), die Lateinschüler strebten mehrheitlich das Abitur an.
Vom Schuljahr 1955/56 an wurden die Lehrkräfte Landesbeamte und damit nicht mehr von der Gemeinde bezahlt. Der Weg war frei für eine Abschaffung des Schulgeldes, das von Jahr zu Jahr um 20 % gesenkt wurde und schließlich mit dem Schuljahr 1958/59 auslief. Trotz des Wirtschaftswunders musste die Schule vom 27.2.1956 bis 3.3.1956 wegen Koksmangels geschlossen werden. Nur die Abiturienten mussten am 2. und 3. März zu ihrer mündlichen Prüfung erscheinen. Ein elektrischer Heizofen spendete Wärme.
1956/57 wurde die „Oberschule für Jungen” in ein Gymnasium umgewandelt. 1957 konnte ein weiterer Bauabschnitt eingeweiht werden, und 1958 wurde die Zweizügigkeit der Oberstufe erreicht. Im Schuljahr 1958/59, die Schülerzahl war mittlerweile auf 553 (ein Drittel davon Flüchtlinge) gestiegen, wurde ein sprachlicher und ein mathematischer Zug ab Klasse 11 eingerichtet. Die Voraussetzungen dafür waren durch den Erweiterungsbau geschaffen worden, der am 8. 10. 1958 seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Als 2. Pflichtfremdsprache gab es Latein oder Französisch, vor der Aufnahme in die Klasse 5 stand ein einwöchiger Probeunterricht, den im Schuljahr 1958/59 90 % der Aspiranten erfolgreich absolvierten. Fast alle Abiturienten dieses Schuljahres wollten, wie es zu der Zeit üblich war, ein Studium aufnehmen.
Die weiterhin stark gestiegenen Schülerzahlen machten bauliche Veränderungen nötig: So wurden 1962 die Turnhalle und das Aulagebäude errichtet, 1965/66 der Werkraum, 1967 der Musiksaal und der Neubau an der Blumenstraße.
Außerdem richtete die Schule für Schüler der Klassen 5 und 6 Förderunterricht ein, wobei lt. Jahresbericht 1970/71 festgestellt wurde, dass nicht nur „. . . Kinder aus Familien mit geringer geistiger Tradition, sondern ein verhältnismäßig hoher Anteil von Akademikerkindern der Förderung bedurften, gerade in Deutsch.”
Die Schülerzahl war mittlerweile auf 747 gestiegen. Das Schuljahr 1973/74 brachte mit der Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe den Wegfall der früheren Züge (846 Schüler).