Über Kriege und wie man sie beendet – Leibniz-Preisträger referiert am Gymnasium Westerstede





„Wie Kriege enden“ – diesem Thema widmete sich der renommierte Freiburger Historiker Prof. Dr. Jörn Leonhard (Träger des Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises 2024 der Deutschen Forschungsgemeinschaft) am Donnerstag, 11.4. in der äußerst gut gefüllten Aula unserer Schule. Als Referent des 6. Wissenschaftsforums Westerstede, in dessen Rahmen unsere Schule unter anderem regelmäßig zu Vorträgen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen einlädt, adressierte Leonhard Fragen, die aktueller kaum sein könnten.

Wie gelingt es, bewaffnete Konflikte und Kriege zu beenden und Frieden zu schaffen? Spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine besitzt diese Frage eine neue, intensiv wahrgenommene Dringlichkeit.

Von der Zerstörung Karthagos durch die Römer in der Antike über den Westfälischen Frieden von 1648 bis hin zu jüngeren Friedensbemühungen wie etwa dem Abkommen von Dayton zur Befriedung des Jugoslawienkrieges in den 1990er Jahren bot Professor Leonhard einen äußerst fundierten und zugleich pointierten Überblick über die Bedingungen und Gelingensfaktoren von Friedensschlüssen. Insbesondere das Beispiel des Versailler Vertrages war bezüglich der Komplexität des „Friedenschaffens“ sehr erhellend, und es wurde gut deutlich, warum das Beginnen eines Krieges so viel einfacher ist als seine Beendigung.

Ausgehend von 10 Thesen, die er in seinem 2023 erschienenen Buch „Über Kriege und wie man sie beendet“ veröffentlicht hat, blickte Leonhard zurück auf vergangene Kriege, die alle irgendwann endeten. Es gelte, historisches Wissen zu nutzen, um die Gegenwart besser verstehen und erklären zu können, ohne dabei den Anspruch zu erheben, dass vergangene Friedenschlüsse nun etwa eine passgenaue Blaupause für die Konflikte der Gegenwart bieten könnten. Hierbei war insbesondere die nüchtern-realistische Perspektive des Historikers hilfreich, um aufzuzeigen, dass man sich den jeweiligen Herausforderungen tatsächlich aktiv stellen muss, dass jedenfalls das Prinzip Hoffnung kein tragfähiges Konzept sein kann, um Kriege zu beenden.

Neben all den gemischten, wenn nicht gar düsteren Empfindungen, mit denen er das Publikum am Ende des Vortrags wohl oder übel zurückließ, wusste Leonhard natürlich auch gelungene Friedensprozesse als historische Lichtblicke zu betonen. Dies passte gut zum eingangs von Schulleiter Henning Kratsch erwähnten, aktuell in Jahrgang 8 stattfindenden Westerstede-Besuch unserer französischen Austauschpartner aus Boulogne-sur-Mer: „Wer hätte nach 1870/71, nach den verheerenden Schlachten des Ersten Weltkrieges oder nach den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges erwartet, dass es jemals wieder friedliche, gar freundschaftliche Beziehungen zwischen diesen einstmals so verfeindeten Staaten und Völkern geben würde?“

Rico Möller, der als Geschichtslehrer unserer Schule auch die dem Vortrag folgende Diskussion moderierte, zeigte sich insbesondere beeindruckt von dem bereits am Nachmittag erfolgten Gespräch zwischen Professor Leonhard und den Geschichtskursen des 12. Jahrgangs. Hier habe sich erneut gezeigt, wie bereichernd der Austausch von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Schülerinnen und Schülern ist – nicht zuletzt diesen Kontakt sucht das Wissenschaftsforum der Europaschule stetig zu fördern.